01.09.2015: Standpunkt: Flüchtlinge bei uns

Das Thema Flucht und Umgang mit Flüchtlingen dominiert die Berichterstattung. Es ist wohl tatsächlich DIE politische, wirtschaftliche und vor allem menschliche Herausforderung der Gegenwart. Wir erleben in diesen Monaten unerfreuliche Entsolidarisierungen innerhalb der Gesellschaft und inakzeptable Übergriffe gegenüber Flüchtlingen und denen, die sich für sie engagieren. Hier gilt es Position zu beziehen, aber auch Polarisierungen entgegenzuwirken, denn wenn wir als Gesellschaft an dieser Frage zerbrechen, werden wir die gewaltigen Aufgaben nicht stemmen können.

Dabei bin ich nicht bereit, meinen Blick nur auf die Probleme zu begrenzen. Ich möchte vielmehr auf positive Entwicklungen hinweisen, die durch die Flüchtlingsherausforderung erst möglich wurden: Allerorten sind Willkommensinititativen entstanden, in denen sich Menschen guten Willens zusammen tun, um eine Kultur des guten Zusammenlebens zu entwickeln, Hilfestellung zu leisten, den Flüchtlingen die Ankunft zu erleichtern. Es sind völlig neue gesellschaftliche Koalitionen, in denen sich verschiedenste Menschen zusammenfinden, mit unterschiedlicher Weltanschauung, politischer Orientierung, gesellschaftlicher Stellung. Doch alle eint der Wille, eine Willkommenskultur vor Ort zu schaffen, Zusammenleben in Vielfalt gelingen zu lassen. Auch in Twistringen und Bassum sind diese Initiativen aktiv und wir als Kirchengemeinden sind dort vertreten.

Meine persönlichen Erfahrungen mit Flüchtlingen: Zusammen mit einer Mitstreiterin begleite ich eine sechsköpfige Familie aus Syrien. Sie haben Haus und Hof im Krieg verloren. Der Vater ist seit einem dreiviertel Jahr in Deutschland, die übrigen Familienmitglieder seit vier Monaten. Die Kinder besuchen die Schule bzw. den Kindergarten, alle sind bestrebt, die deutsche Sprache schnell zu lernen. Der Vater arbeitet für Mindestlohn und versucht seine Familie zu ernähren. Natürlich benötigen sie Hilfe und Unterstützung, vor allem in Sprache und Behördenangelegenheiten, und das nicht zu knapp - noch! Denn in einem Jahr werden sie auf eigenen Füßen stehen, da gehe ich fest von aus. Und dann werden sie helfen, unseren Bevölkerungsrückgang zu kompensieren und unsere Renten zu sichern.

Daneben begleite ich einen unbegleitet reisenden, jugendlichen Flüchtling aus Syrien. Er weiß nicht, wo seine Eltern und Geschwister sind. Auf einem Klassenfoto hat er mir seine Schulkameraden und Freunde gezeigt. Die meisten wurden inzwischen Opfer des Krieges oder von Terroristen der ISIS getötet. Die Kriegserlebnisse machen ihm zu schaffen. Er möchte die deutsche Sprache lernen, Abitur machen, Medizin studieren und zurück nach Syrien gehen, wenn dort kein Krieg mehr herrscht.

Diese Beispiele sind nicht untypisch, andere aus den hiesigen Willkommensinitiativen sammeln ähnliche Erfahrungen. Menschen in Not kommen zu uns. Dem zu begegnen, fordert Christus von uns. "Ich war fremd und obdachlos und ihr habt mich aufgenommen. Denn was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan." Und wir selbst werden beschenkt daraus hervorgehen, denn es sind wunderbare Begegnungen, die sich daraus ergeben - mit Flüchtlingen und anderen Helfern, die gemeinsam mit uns auf dem Weg sind.

Gehen wir in uns: An welchen Stellen können wir uns einbringen? Kann ich mich in einer Initiative der Willkommenskultur engagieren? Wir als Kirchengemende könnten und können dort breiter vertreten sein! Oder habe ich Wohnraum zu vermieten? Kann ich Sachspenden erbringen? Fahrräder, Waschmaschinen, Möbel werden immer gebraucht.

Sprechen Sie mich an!

Ihr Diakon Bernhard Sauer